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Verfasst am: 19.03.2010 13:10 Titel:
"In der Eifel liegen rund 30 Atomsprengköpfe"
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Kernwaffen bleiben Gefahr für die Menschheit. Friedenskongreß am Wochenende in Essen. Ein Gespräch mit Werner Strahl
Dr. Werner Strahl von den »Internationalen Ärzten gegen den Atomkrieg (IPPNW)« arbeitet als Kinderarzt in Essen
Die »Ärzte gegen den Atomkrieg« sind Mitorganisatoren des heute beginnenden Kongresses »Friedenskultur 2010« in Essen. Warum findet die Veranstaltung gerade dort statt?
Die IPPNW will gemeinsam mit Pax Christi, der Deutschen Friedensgesellschaft DFG-VK und dem Essener Friedensforum einen besonderen Akzent im Jahr der Kulturhauptstadt 2010 in Essen und dem Ruhrgebiet setzen. Wir waren verärgert, daß lediglich künstlerische Projekte gefördert werden. Für unsere Konferenz bekamen wir mit dieser Begründung kein Geld aus dem Kultursäckel. Die »Friedenskultur 2010« bietet jetzt in der Volkshochschule und in der »Lichtburg« ein Programm mit Diskussionen und Kultur über das gesamte Wochenende. Künstler wie Konstantin Wecker und Stoppok unterstützen uns mit ihren Auftritten.
Neben Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) hat der Bürgermeister von Hiroshima, Tadatoshi Akiba, die Schirmherrschaft für die Konferenz übernommen. Steht die Gefahr der atomaren Bewaffnung im Mittelpunkt der Veranstaltung?
Der politische Anlaß für unseren Kongreß ist die New Yorker Nachfolgekonferenz zum Atomwaffensperrvertrag im kommenden Mai. Alle fünf Jahre wird überprüft, wie der aktuelle Stand bei Abrüstung und Nicht-Weiterverbreitung von Atomwaffen ist. Bei Abschluß des Vertrages hatten sich die Atommächte verpflichtet, ihr nukleares Arsenal mit den START-Verträgen langfristig abzubauen, und die übrigen Staaten erklärten, keine eigenen Kernwaffen anzustreben. Tatsächlich ging die weltweite Anzahl der nuklearen Sprengköpfe von 127000 Stück zu Hochzeiten des Kalten Krieges auf jetzt 25000 Atombomben zurück. Außerdem hat US-Präsident Barack Obama im April vergangenen Jahres in Prag verkündet, er träume von einer atomwaffenfreien Welt. Allerdings schränkte er ein, daß die Sicherheitsinteressen der USA gewahrt werden müßten.
Also Friede, Freude, Eierkuchen?
Ganz im Gegenteil. Die START-Verhandlungen zwischen den USA und Rußland sind ins Stocken geraten. Schon im Oktober 2009 hätte eine neue Vereinbarung erzielt werden müssen. Die Pläne für einen neuen Raketenschild der Amerikaner sorgen für Spannungen mit den Russen. Zwar verzichtete Präsident Obama auf die umstrittenen Abwehranlagen in Tschechien und Polen. Jetzt arbeiten die US-Militärs aber an einem viel umfassenderen Schild mit land- und seegestützten Abfangraketen in globalem Maßstab. Dazu gehört das Vorhaben, in Rumänien Raketen zu stationieren.
Was halten Sie von der Ankündigung von Außenminister Guido Westerwelle (FDP), die BRD atomwaffenfrei zu machen?
Wir haben uns natürlich gefreut, als Westerwelle das verkündete. In der Eifel sind noch rund 30 Sprengköpfe auf dem Fliegerhorst Büchel eingelagert. Diese US-Atomwaffen sollen aber von deutschen Piloten ins Ziel gebracht werden. Bis heute werden diese Einsätze ständig geübt, weil die NATO von ihren Mitgliedsstaaten für bestimmte Einheiten Gefechtsbereitschaft verlangt. Im US-Senat wird nun gefordert, die Bücheler Atombomben zu modernisieren, statt sie abzuziehen. Denn durch den radioaktiven Zerfall verlieren die Waffen mit der Zeit ihre Sprengkraft. Wenn die nuklearen Sprengköpfe nach einer Anreicherung tatsächlich nicht mehr in der BRD gelagert werden, werden die US-Amerikaner sie wahrscheinlich in Polen stationieren.
Die genannten atomaren Waffenkomplexe orientieren sich an den Fronten des Kalten Kriegs. Wie sieht es mit neuen Risiken in anderen Regionen aus?
Die weltweite Sicherheitslage hat sich verschlechtert, statt verbessert, seit sich nicht mehr die Supermächte USA und Sowjetunion in einem symmetrischen Kräftemessen gegenüberstehen. Heute drohen atomare Konflikte, die vor dem Zusammenbruch der UdSSR gar nicht bestanden. So haben sich die verfeindeten Staaten Indien und Pakistan mittlerweile selbst Atombomben verschafft. Die nordkoreanischen Kernwaffen sind ebenfalls ein neues Phänomen. Und im Nahen Osten ist die Existenz von israelischen Nuklearwaffen durch Aussagen eines inzwischen inhaftierten Insiders bestätigt worden.
19. bis 21. März, Essen: Kongreß und Künstlermatinee, »Friedenskultur.2010 – Unsere Zukunft atomwaffenfrei!«, www.friedenskultur2010.de.
http://www.jungewelt.de/2010/03-19/050.php
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